Das Hotel Lux: Träume, Tränen und Tragödien (Kinostart: 27. Oktober 2011)
Mit Michael Bully Herbig, Jürgen Vogel, Thekla Reuten, Alexander u.v.a
Thekla Reuten und Michael "Bully" Herbig Foto: Copyright 2011 Bavaria Pictures/Tom TrambowDie Köstlichkeiten des Bäckers Iwan Filippow waren weit über die Grenzen Moskaus hinaus bekannt. Selbst am Zarenhof in St. Petersburg erfreuten sich die Reichen und Mächtigen an den Kalatschen, Piroggen und Wecken aus der Moskauer Twerskaja 36. Im Jahr 1911 ließ Filippows Sohn über der zweistöckigen Bäckerei das Hotel Franzija mit insgesamt vier Etagen einrichten. Zwei mächtige Säulen vor dem Haupteingang sowie prächtiger Marmor und hohe Spiegel im Foyer ließen erkennen, dass diese Nobelherberge für Gäste aus der reichen Oberschicht konzipiert war.
1933 wurde das Haus, das inzwischen in Hotel Lux umbenannt worden war und dessen neue Adresse Gorkistraße 10 lautete, um zwei Etagen erhöht. Nun bot es 300 Zimmer für 600 Gäste. Ab 1921, vier Jahre nach der Oktoberrevolution, diente das Hotel als Gästehaus der Kommunistischen Internationale, der Komintern.
Moskau war in den 20er und 30er-Jahren eine Megacity im Aufbruch, die größte Baustelle der Welt, voller Gerüste, Kräne, Metroschächte und entschlossener Arbeitermassen. Stalin war Hoffnung und zugleich Verhängnis derer, die im Hotel Lux Zuflucht und eine Bleibe fanden. Die kommunistischen Funktionäre, die vor dem Faschismus in ihren Heimatländern fliehen mussten, erhielten Asyl in diesem „Absteigequartier der Weltrevolution". Die größte Gruppe kam aus Deutschland, unter ihnen Walter Ulbricht, Herbert Wehn er und Wilhelm Pieck.
Wer dort wohnen oder Gäste treffen wollte, benötigte einen Passierschein. Besuchszeiten wurden genau protokolliert, Pässe wurden hinterlegt, obgleich die meisten Pässe in dieser Zeit gefälscht waren. Ruth von Mayenburg, die Frau des österreichischen Kommunisten Ernst Fischer, schrieb 1978 die Erinnerungen an ihre sieben Jahre im berühmt-berüchtigten Hotel nieder: „Das Lux war ein konspiratives Hotel, konspirativ nach innen und nach außen – ein Geheimnisträger. Keine Gästeliste, keine Totenliste gibt darüber Auskunft, wer jemals darin gewohnt hat. Bei den Anreisenden stimmte in den meisten Fällen der Passname nicht mit dem Personennamen überein, nicht der Personenname mit dem Parteinamen, mit den wechselnden Deck- und Rufnamen."
Im Hotel Lux zu nächtigen war ein Privileg, aber kein Luxus. „Unser erhabenes Gebäude beherbergte in wanzenbelebten Mehrbettzimmern in den unteren Etagen künftige Staatsmänner von welthistorischer Bedeutung wie Tschou En-lai und Ho Tschi Minh", schrieb Ruth von Mayenburg. Große Scharen von Ratten, angelockt von Gemeinschaftsküchen und der Bäckerei, die im Erdgeschoss all die Jahre weiter arbeitete, finden in fast allen Berichten der Hotelbewohner besondere Erwähnung. Auch über den Lärm der Kinder auf den langen Fluren wurde oft geklagt. Denn nach 1933 war das Lux zum „Emigrantenhotel" für ganze Familien geworden.
Der vermeintliche Zufluchtsort erwies sich für viele als Falle. Im Rahmen des Großen Terrors zwischen 1936 und 1938 wurden viele treue Kommunisten als angebliche Gegner Stalins festgenommen und verhört. Einige wurden nach ihrer Verurteilung in den Gulag deportiert oder hingerichtet. Bei diesen „Säuberungen" starben unter Stalin mehr deutsche kommunistische Spitzenfunktionäre als unter Adolf Hitler. Entsprechend herrschte im Hotel Lux eine Atmosphäre der Angst, der Ungewissheit und der gegenseitigen Denunziation.